Gut genug – Wann kann ich mit mir selbst zufrieden sein?

Wie kann ich zufrieden mit mir sein, wenn doch so viele Anforderungen an mich herangetragen werden. Wann erkenne ich, ob ich gut genug bin?

Ajahn Jaysaro ist ein buddhistischer Mönch und Lehrer in der Tradition der Linie von Ajahn Chah. Er ist in England aufgewachsen und lebt seit mehr als 40 Jahren im buddhistischen Thailand.  Nachdem er von 1997 bis 2002 fünf Jahre als Abt das buddhistische KlosterWat Pah Nanachat angeführt hat, lebt er seit 2003 als einzelner Mönch in einer Einsiedelei am Fuße des Khao Yai Mountain National Park.

In diesem Gespräch stellt er sich den Fragen von Medizinstudenten aus Thailand u.a. der Frage nach den eigenen Anforderungen an sich selbst und wie wir uns selbst genügen können, in einer Welt, in der viele unterschiedliche Anforderungen an uns herangetragen werden, nicht zuletzt auch vermittelt durch sozialen Medien.

Quelle:

Beginn ab Minute 2,39:

Frage:

Viele Studenten machen sich Sorgen, dass sie nicht ausreichend den Anforderungen an einen guten Arzt genügen, dass sie nicht schlau genug sind, dass sie sich nicht gut genug erinnern können und wie sie somit überhaupt gute Ärzte werden können. Können Sie Ihnen bitte helfen?

Ajahn Jaysaro:

Ich denke, dass speist sich aus einer größeren Sorge, die jeder in uns hat – und nicht nur Medizinstudenten, dass wir für unser Leben nicht gut genug sind, keine guten Söhne oder Töchter oder gute Brüder oder Schwestern sind oder dass wir keine guten Eltern werden oder gute Ehepartner, die ständige Befürchtung, dass wir den Standards nicht genügen.

Aber die Frage ist, was sind die Standards, an denen du dich misst. Wir sehen, dass in vielen Bereichen unseres Alltags. Insbesondere werden durch die sozialen Medien unrealistische Standards an uns herangetragen, wodurch viel unnötiges Leid verursacht wird.

Wir müssen einfach anerkennen, dass wir zu der Frage, was gut genug ist, keine zufriedenstellenden Antworten erhalten werden. Es wird den Punkt nicht geben, an dem du sagen kannst, jetzt bin ich gut genug. Selbst wenn du diesen Punkt meinst erreicht zu haben, ist dies nicht unbedingt klug, denn wie du (vielleicht) weißt, im Buddhismus aber nicht ausschließlich im Buddhismus, sprechen wir über lebenslanges Lernen und sich weiter entwickeln, nicht nur in den Bereichen, die du noch nicht entdeckt hast, sondern auch in den Bereichen, die du persönlich gut kennst und in denen du dich selbst sicher fühlst.

Letztlich geht es aber meiner Meinung nach eher darum, Freude zu empfinden am Lernen, Wachsen und Entwickeln, sei es als Mensch an sich, als Medizinstudent und Arzt.  Aus diesem Gefühl von Wachstum, dem Reifen und dem Lernen aus Erfahrung, erwächst aus meiner Sicht das Gefühl von Zuflucht und Zufriedenheit. Es vermittelt mir das Gefühl zu lernen, indem ich mich mit mir selbst vergleiche. Wenn ich mich mit mir vergleiche, mit mir vor sechs Monaten, einem Jahr oder vor fünf Jahren, sehe ich ich dass ich viel gelernt habe. Wenn du älter wirst, merkst du, dass du oft durch die schwierigen eher unangenehmeren Dinge, tiefgehender gelernt hast als durch die angenehmen Dinge.

Meine einfache Antwort ist, denke nicht, dass es den Punkt gibt, an dem du sagen kannst, du bist gut genug. Es ist nicht weise, so zu denken. Denke stattdessen, was sind meine Stärken und Schwächen momentan, wie kann ich kurzfristig und langfristig daran arbeiten, die Schwachstellen zu reduzieren und daraus Kapital zu schlagen, um meine Stärken weiterzuentwickeln.

Es gibt keine Checkliste, was einen guten Arzt ausmacht. Du wirst nicht in der Lage sein, alle Grundlagen abzudecken und der perfekte Arzt zu sein.

Wir alle haben verschiedene Stärken und wenn wir in einer Gruppe arbeiten, dann unterstützt man sich gegenseitig. Es sollte weitestgehend vermieden werden eine Konkurrenzatmosphäre im Krankenhaus zu erzeugen. Dann begreift man auch, dass jeder seine blinden Flecken hat und man hilft und ermutigt sich gegenseitig und entwickelt die Stärken des anderen. Du bist nicht alleine mit der Aufgabe, einen guten Doktor aus dir zu machen, sondern es sind deine Lehrer, Freunde und Kollegen, die sich untereinander helfen. Sich weiterzuentwickeln braucht kein einsamer und schwieriger Weg sein.