ESFJ – Der Gastgeber

Die dominante Funktion des ESFJs ist das extravertierte Fühlen. Seine zweite Funktion ist das introvertierte Empfinden.

ESFJs sind Beziehungsmenschen. Sie brauchen Gesellschaft, und die Gesellschaft braucht sie. Sie nehmen fürsorglich und gewissenhaft alle Rollen wahr, die ihnen die Gesellschaft zuerkennt. In diesem Sinne sind sie vorbildliche Kinder, Schüler, Mütter, Väter, Ehefrauen, Ehemänner, Arbeitskollegen, Freunde, Gemeindemitglieder etc.  Bereitwillig stellen sie ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um die Wünsche anderer zu erfüllen. In diesem Sinne ähneln sie dem ENFJ. Von diesem unterscheiden sie sich durch ihre zweite Funktion – dem introvertierten Empfinden. Anders als  intuitive ENFJs, die sich vorwiegend auf die Förderung des Potentials ihrer Schützlinge konzentrieren und diese auf den richtigen Weg zu bringen versuchen, sind ESFJs eher mit der Erfüllung konkreter Bedürfnisse unter den gegebenen Umständen befasst.

In jeder Gruppe, der sie angehören, leisten sie ihren Beitrag. Ihr Kalender ist ausgebucht mit Verabredungen und Aufgaben, die ihre hohe Einsatzbereitschaft und Verantwortung für ihre Gemeinschaft im Großen und im Kleinen widerspiegeln. Während das Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft bei ESTJs aus der Logik folgt, erwächst dieses bei ESFJs aus ihren persönlichen Beziehungen innerhalb ihrer Gemeinschaft und den Erwartungen ihrer Gemeinschaft an die damit einhergehenden Verpflichtungen.

Sie sind darauf bedacht, in jeder Hinsicht ein mustergültiges Beispiel der eingenommenen Rolle zu sein. Mit diesen Kriterien begutachten sie allerdings auch das Verhalten ihrer Mitmenschen.

Sie sind auch sehr daran interessiert, in allen Bereichen die an sie gerichteten Erwartungen zu erfüllen. So kleiden  sie sich der aktuellen Mode gemäß, die Einrichtung ihres Hauses entspricht allgemein anerkannten Standards, und während ihrer öffentlichen Auftritte sind sie darauf bedacht, das passende Gesprächsthema zu wählen.

Sie sind traditionsverbunden. Familienfeste, Geburtstage und Feiern nehmen sie sehr ernst, entsprechend fühlen sie sich verletzt, wenn andere Menschen nicht das mit derartigen gesellschaftlichen Anlässen verbundene Verhalten an den Tag legen. Ein nicht termingerecht versandter Strauß zum Muttertag kann daher auf Seiten eines ESFJs die schlimmsten Befürchtungen auslösen und gar als Signal für eine schlechte Beziehungsqualität gewertet werden.

ESFJ verlangen auch von ihren Mitmenschen, sich an die für richtig erkannten Werte zu halten. Wenn andere nicht das richtige Verhalten an den Tag legen, drücken  ESFJs ihr Missfallen zumeist deutlich aus. Wenn sie ihre eigene Wahrnehmung zu wenig beachten, fällt es ihnen schwer, von allgemeinen Gruppenerwartungen abweichendes Verhalten zu tolerieren.  Da sie nach harmonischen Beziehungen und  Kooperation in der Gemeinschaft streben, sehen ESFJs in derartigen Bestrebungen eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gemeinschaft.  Sie gelangen oft in Positionen, die es ihnen ermöglichen, auf die Einhaltung der sozialen Ordnung hinzuwirken.

ESFJ erledigen ihre Aufgaben strukturiert und routiniert und neigen zur Beibehaltung bewährter Handlungsabläufe. Sie haben einen guten Blick für Details und erkennen schnell, was ansteht. Dabei sind sie in erster Linie bestrebt, andere bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu unterstützen. Sie haben eine hohe Arbeitsmoral und sind erst nach Erledigung aller Pflichten bereit, sich eine Pause zu gönnen.

ESFJs streben nach Sicherheit und Stabilität in ihrem Alltag. Neuen Entwicklungen gegenüber sind sie eher ablehnend bis zögerlich eingestellt.  Abstrakten Theorien ohne erkennbare Anwendung für ihre sozialen Verpflichtungen können sie nichts abgewinnen.

Wenn sich ESFJs der ihnen zugewiesenen Rolle oder des gewünschten Verhaltens in einer vom Normalfall abweichenden Situation nicht sicher sind, tendieren sie dazu, sich in den betreffenden Gruppen auszutauschen, um diesen Konflikt im Weg des Konsenses zu lösen. Entsprechend sind ESFJs in Unternehmen sehr gute Teamarbeiter, die geschickt daran arbeiten, andere Mitarbeiter für eine Lösung offener Probleme zu gewinnen.

ESFJs sind auf das Feedback der Menschen angewiesen, denen sie ihre Unterstützung angedeihen. Gleichgültiges Verhalten verletzt sie. Sie reagieren zumeist empfindlich auf Kritik und betrachten diese als Ablehnung ihrer Person.  Es fällt ihnen schwer, die Kritik unpersönlich auf ihre logische Berechtigung zu prüfen. Daher neigen sie dazu sich zu verteidigen, indem sie zum Beispiel aufzählen, was sie alles in der Vergangenheit geleistet haben oder dem Kritiker vorwerfen, undankbar zu sein. Manchmal entledigen sie sich der Kritik, indem sie den Kritiker selber diskreditieren.

Die den ESFJ auszeichnenden Fähigkeiten entsprechen dem traditionellen Frauenbild unserer Kultur. ESFJ-Frauen wirken daher zumeist ausgesprochen weiblich. Zugleich dienen ihre Schwächen und Stärken oft als Vorlage für stereotype Geschlechterrollen in den Medien.  Ein männlicher ESFJ spürt hingegen in der Regel einen Konflikt zwischen den gesellschaftlich dominanten Vorstellungen von Männlichkeit und seinem nach Harmonie strebenden Wesen.

Viele ESFJs verlassen sich beinahe ausschließlich auf das von außen vorgegebene Wertesystem ihrer sozialen Schicht.  Probleme ergeben sich für ESFJs in sozialen Gruppen, deren Werte sich im Konflikt mit persönlichen Einsichten befinden. ESFJs neigen dazu, Vorfälle, die dem Standard ihrer Gruppe nicht entsprechen, auszublenden. Wenn ESFJs sich zum Schutz des Wertesystems ihrer Gruppe ihren eigenen Wahrnehmungen verschließen, tendieren sie dazu, die Probleme für ihren Loyalitätskonflikt anderen Leuten und Umständen außerhalb ihrer selbst zuzuschreiben. Entsprechend besteht die Gefahr, dass ein solcher ESFJ versucht, andere Menschen zu manipulieren und sie drängt, sich konform zu verhalten. Nicht zuletzt zeigt sich dies in wohlmeinenden Ratschlägen gegenüber Vertretern anderer Meinungen, aber auch in einer erhöhten Kontrolle von Abweichlern, um unerwünschtes Verhalten  zu eliminieren.

Größere Probleme erwachsen  ESFJs aus der Umorientierung unserer Gesellschaft – weg von allgemein anerkannten Rollen und Werten, die für alle gelten – hin zur Orientierung am Willen und der Meinung des Einzelnen. Wenn ESFJs mit einem stabilen Wertesystem, vermittelt durch Elternhaus und Schule, aufgewachsen sind, verursacht ihre externe Werteorientierung kaum Probleme. ESFJs, denen in ihren Herkunftsfamilien jedoch kein stabiles Wertesystem vermittelt wurde, laufen Gefahr, fragwürdige Werte zu vertreten und sich entsprechenden Gruppierung, die ihre Sicht befürworten, unkritisch anzuschließen.

Da ESFJs darauf bedacht sind, die Reaktionen anderer Leute zu verfolgen und sich über ihre Beobachtungen und Meinungen mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe auszutauschen, fällt es ihnen schwer, festzustellen, inwieweit ihr Handeln mit ihren eigenen Gefühlen übereinstimmt. Viele ESFJs sind kaum in der Lage, sich ohne Einbeziehung anderer eine eigene Meinung zu bilden. Je mehr sie sich ihre Werte von außen diktieren lassen, desto weniger spüren sie, was tatsächlich in ihnen vorgeht.

ESFJs müssen darauf achten, ihre eigene Wahrnehmung nicht zu verleugnen. Wenn sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen verlassen, sind sie gezwungen bestehende Konflikte zwischen den durch sie vertretenen Gemeinschaftswerten und der traurigen Alltagsrealität anzuerkennen. Indem sie sich und anderen ihre Betroffenheit eingestehen, werden sie dieses Dilemma zwar nicht lösen, aber sie offenbaren anderen ihre Menschlichkeit. Durch ehrliches Auftreten und Eingestehen ihrer Schwächen erkennen sie ihre wahren Freunde und gewinnen neue hinzu, die ihnen tatsächlich auch in schweren Zeiten zur Seite stehen und sie als die Menschen lieben, die sie tatsächlich sind.

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