Bewusstseinsfunktionen – Urteilsfunktionen (Teil 3)

Der Verarbeitung des ermittelten Sachverhaltes dienen die sogenannten Urteilsfunktionen – Denken und Fühlen. Das Fühlen legt hierbei einen persönlichen, auf den Menschen und dessen Bedürfnisse abstellenden, Maßstab an, wohingegen das Denken unpersönlich, gemäß den Gesetzen der Logik, urteilt.

Um den Unterschied zwischen den introvertierten Urteilsfunktionen und den extravertierten Urteilsfunktionen zu erfassen, ist es sinnvoll sich das Gehirn als Informationsverarbeitungsorgan vorzustellen.

Während die Wahrnehmungsfunktionen der Aufnahme und Speicherung von sensorischen Eindrücken dienen, sind die Urteilsfunktionen mit der Verarbeitung der vorhandenen Informationen befasst. Die Wahrnehmungsfunktionen sind eher sensorischen Feldern im Gehirn zuzuordnen und die Urteilsfunktionen eher den motorischen Gehirnarealen. Die Wahrnehmungsfunktionen selber sind passiv und zwingen uns als solche nicht zum Handeln. Anders die Urteilsfunktionen: Diese stehen in direkter Interaktion mit dem Sachverhalt und zwingen uns, durch die Verarbeitung des Sachverhaltes aktiv zu werden.

 a) Erkundungsmodus und Anwendungsmodus

Je nach Art der Information kennt unser bewusstes Gehirn zwei Bearbeitungsmodi: den Erkundungsmodus und den Anwendungsmodus.

Jeder Modus ist für eine bestimmte Art von Informationen optimiert. Der Erkundungsmodus eignet sich besonders für neuartige Informationen, die ausgekundschaftet werden müssen. Hingegen ist der Anwendungsmodus dort besonders geeignet, wo bereits in der Vergangenheit persönliche Erfahrungen gesammelt wurden bzw. es bereits hilfreiche Verhaltensrichtlinien als Basis für unsere Entscheidungen gibt. Der Anwendungsmodus gibt uns die Möglichkeit, von unseren Erfahrungen zu lernen. Wir müssen nicht immer erkunden sondern können vorhandenes Wissen anwenden. Das sorgt letztlich für Struktur und Stabilität in unserem Alltag. Der Erkundungsmodus ermöglicht es uns hingegen, uns weiterzuentwickeln. Wir sind angesichts einer sich ständig ändernden Umwelt fähig, uns auf neuartige Entwicklungen einzustellen. Der Erkundungsmodus findet auch dort Anwendung, wo sich ein Sachverhalt so blitzschnell ändert und Reaktionsschnelligkeit erfordert, dass der Abruf der gespeicherten Erfahrungen und deren Anwendung zu langsam wären.

Wenn wir das Vorhandensein dieser beiden Bearbeitungsmodi im Hinterkopf behalten, ist auch besser ersichtlich, welchen Beitrag die introvertierten und extravertierten Urteilsfunktionen leisten.

Die Urteilsfunktionen verarbeiten die Information je nach Ausrichtung völlig anders. Nach innen werden die Informationen erkundet und nach außen angewandt.

b) Beitrag der introvertierten Urteilungsfunktionen zur Informationsverarbeitung

Um die Funktionsweise der introvertierten Urteilsfunktionen zu verstehen, ist es notwendig, sich auf den Inhalt der zu beurteilenden Information zu beziehen. Die Verarbeitung intuitiv vermittelter Informationen oder konkreter Informationen unterscheidet sich im äußeren Erscheinungsbild oft so stark, dass ich im nachfolgenden getrennt darauf eingehe.

aa) Introvertiertes Denken

Das introvertierte Denken verarbeitet neuartige Informationen im Wege einer unpersönlichen Analyse der Informationen. Die Beurteilung unterliegt dem subjektiven Urteil des Betrachters. Dieses basiert auf einem inneren von der Funktionsweise unseres Gehirns abhängigen Maßstab. Obwohl der subjektive Faktor entscheidend ist, entbehrt er damit nicht der Logik. Es werden Zusammenhänge ergriffen und Unterscheidungen auf Basis einer internen menschlichen Logik, die jedoch nicht mit dem Gefühl zu verwechseln ist, getroffen.

Die durch Empfinden erlangte konkrete Information wird im Wege des introvertierten Denkens sofort auf sehr direkte Art umgesetzt. Typische Beispiele sind handwerkliche Tätigkeiten aber auch sportliche Aktivitäten. Mit einem Hammer Nägel einzuschlagen erfordert eine geschickte Auge- und Handkoordination, wobei die Bewegungen der Hände und des Blickes ständig auf die Bewegung des Bearbeitungsgegenstandes und des Werkzeugs ausgerichtet werden müssen. Gleiches gilt für ein Motorrennen: Der Fahrer muss das Fahrzeug ständig der konkreten Situation auf der Piste anpassen.

Während die Verarbeitung konkreter neuer Informationen sehr körperlich von statten geht und daher schon beinahe instinktiv erscheint, ist die Verarbeitung von intuitiv erlangten Informationen ein mehr vergeistigter Vorgang, der weniger nach außen in Erscheinung tritt. Diese Funktion hilft uns die Dinge zu begreifen, Zusammenhänge zu sehen und aus unseren Beobachtungen Prinzipien abzuleiten. Warum-Fragen sind typisch für introvertiertes intuitives Denken. Der Untersuchungsgegenstand wird in seine Einzelteile zerlegt und analysiert. Während extravertiertes Denken ausgehend von objektiven Wahrheiten, die es grundsätzlich nicht hinterfragt, versucht, Ziele zu erreichen, ist bei introvertiertem Denken der Weg das Ziel. Das Verständnis für den Lösungsweg ist wichtiger als das Ergebnis. Die Erkenntnis selber erscheint dem Erkennenden oft eher nichtsprachlicher Natur zu sein. Das Finden geeigneter Worte, um eine neue Erkenntnis zu beschreiben, gestaltet sich gelegentlich schwierig, vor allem dann, wenn kaum Fachwörter zum Erkenntnisgebiet existieren. Dies ist meines Erachtens ein Grund, warum sich C. G. Jungs Werk „Psychologische Typen“ so schwer liest. C. G. Jung versucht auf unbekanntes Gebiet für das kein einheitliches Vokabular existiert, vorzugdringen. Daher fügt er seinem Werk ein Kapitel mit Definitionen der von ihm verwandten Begriffe bei. Der chilenische Dichter Niconar Parra drückt die Mühsal, Erkenntnisse in Worte zu fassen, in der recht ernüchternden Bemerkung aus: Gedanken sterben, wenn sie in den Mund gelangen.

bb) Introvertiertes Fühlen

Das introvertierte Fühlen lässt uns Erfahrungen unter Berücksichtigung unserer dabei empfundenen Emotionen beurteilen. Die Bewertung erfolgt im Einklang mit unseren Bedürfnissen. Der Maßstab ist ebenfalls subjektiv, da er sich auf biologisch vorgegebene Parameter bezieht, die wir nur dadurch erfassen können, in dem wir in uns hinein fühlen.

Durch Ausprobieren verschiedener sinnlicher Erfahrungen bilden wir uns ein Werturteil. So merken wir, ob uns ein Gericht schmeckt, die Badewassertemperatur zu heiß ist, wir eine bestimmte Musik gerne hören etc. Das introvertierte Gefühl auf der Basis intuitiv erlangter Informationen hat eher einen ideellen Ausdruck. Typische Beispiel hierfür sind Gewissensentscheidungen, der Wunsch das Leben im Einklang mit den eigenen Idealen zu leben oder auch religiöse Überzeugungen.

 

c) Beitrag der extrovertierten Urteilsfunktionen zur Informationsverarbeitung

aa) Extravertiertes Denken

Die Umsetzung des allgemein anerkannten Wissens ist die Domäne des extravertierten Denkens. Im Gegensatz zum introvertierten Denken ist dieses Denken linearer Natur. Ziele werden durch Anwendung von Regeln Schritt für Schritt erreicht. Das extravertierte Denken sucht der Fülle, der von uns tagtäglich aufgenommenen Informationen durch Anwendung bekannter Gesetzmäßigkeiten zu diesen Informationen Herr zu werden. Dabei setzt es im Gegensatz zum extravertierten Fühlen einen unpersönlichen Maßstab an die Bewertung der Information an. Dies bewirkt, dass wir bei der Betrachtung von Gegenständen den Blick auf jene Eigenschaften lenken, die sie mit anderen uns bekannten Gegenständen gemeinsam haben, um daraus Erwartungen für den Eintritt künftiger Ereignisse abzuleiten.

Mittels extravertierten Denkens strukturieren wir unseren Alltag. Wir führen einen Kalender entsprechend der allgemein anerkannten Zeiteinteilung oder verschaffen uns eine Übersicht über die Teilnehmer einer Veranstaltung, indem wir die Namen alphabetisch ordnen. An den Unterschieden zwischen den Alphabeten und Kalendern verschiedener Kulturen zeigt sich zugleich die Abhängigkeit des extravertierten Denkens von den allgemeinen Annahmen der Gesellschaft, die sie verwendet.

Das extravertierte Denken nutzt ein vorhandenes Fundament von Erkenntnissen in Form von empirisch belegbaren Annahmen, um Ziele in der Außenwelt zu erreichen. Dabei bedienen wir uns nicht nur unserer eigenen Erkenntnisse sondern nutzen Lösungswege, die wir nicht selber entdecken mussten. Damit können wir ein Ziel auch erreichen, ohne selber den Erkenntnisweg beschritten zu haben. Wir müssen keinen Pilz probieren, um zu erfahren, dass er giftig ist sondern nutzen stattdessen ein Pilzbestimmungsbuch. Wir können unseren Computer dank Gebrauchsanweisung und Ratgeberliteratur auch bedienen ohne nennenswerte Programmierkenntnisse zu besitzen.

Extravertiertes Denken funktioniert auch dann, wenn wir die Logik einer Gesetzmäßigkeit nicht selber erfasst haben. Die Möglichkeit, Wissen auch ohne eigene Erkenntnis umzusetzen, gewährleistet erst die Entwicklung einer Kultur. Unser Wissen muss nicht mit seinem Entdecker sterben. Wir nutzen täglich die Erkenntnisse von Generationen, die vor uns gelebt haben, um heute anstehende Probleme zu lösen. Dies funktioniert natürlich nur, soweit sich die Umstände, unter denen die Regel aufgestellt wurde, nicht grundlegend verändert haben.

bb) Extravertiertes Fühlen

Das extravertierte Fühlen zielt auf die objektiven Beziehungsgefüge der Menschen untereinander und ist insoweit mit dem extravertierten Denken vergleichbar. Während sich das extravertierte Denken mit der unbelebten Umgebung befasst, bewirkt das extravertierte Gefühl eine Ausrichtung auf die Emotionen unserer Mitmenschen. Mit seiner Hilfe sortieren wir die Beziehungen der Menschen untereinander in Kategorien. Je nach wahrgenommener Kategorie wird eine bestimmte Art von Beziehung gelebt. So entspringt aus der Kategorie „Freund“ eine andere Beziehung als aus der Kategorie „Feind“. Auch die Kategorie „Mutter“ verlangt eine andere Behandlung als die Kategorie „Ehefrau“. Wir sind in der Lage, die Erwartungen anderer Menschen wahrzunehmen und entsprechend Verhaltensregeln ihnen gegenüber einzuhalten. Ähnlich wie beim extravertierten Denken kann auch beim extravertierten Fühlen unsere eigene Erfahrung von allgemeinen Erwartungen unserer Gruppe abweichen. Aus diesem Grund sind wir auch in der Lage, soziale Gesten zu zeigen, obwohl wir uns damit nicht persönlich identifizieren. So essen wir aus Anstand ein Gericht unseres Gastgebers, obwohl wir nicht hungrig sind oder es uns nicht schmeckt. Wir stellen in diesem Fall das Bedürfnis unserer Gastgeber nach Wertschätzung über unsere eigenen Bedürfnisse.

Extravertiertes Fühlen sorgt für eine harmonische Gesellschaft. Ohne allgemein anerkannte Regeln zum Umgang von Menschen untereinander wäre die Stabilität der Gesellschaft gefährdet. Mittels extravertierten Fühlens erkennen wir die gesellschaftlichen Erwartungen an unsere Rolle in unseren Beziehungen. Wir leben Traditionen, respektieren unsere Eltern, grüßen, wenn wir einen Raum betreten, versenden Weihnachtskarten, erkundigen uns nach dem Befinden eines Arbeitskollegen. Natürlich können diese Handlungen auch unserem inneren Bedürfnis entsprechen. Dies wäre der Idealfall. Wir werden jedoch auch dann oft noch bereitwillig die Erwartungen unserer Mitmenschen bedienen, wenn wir uns mal nicht so fühlen. Im Gegensatz zum introvertierten Fühlen ist beim extravertierten Fühlen unser Handeln nicht von unserer Stimmung abhängig sondern von einem gesellschaftlich anerkannten Maßstab.

 

This Post Has 2 Comments

  1. snappyshort

    Also dieser Artikel ist wirklich erste Sahne! Du schaffst es mit tollen Beispielen und Erklärungen, die Unterschiede zwischen F und T und e und i sehr schön zu erklären. 🙂

    Wobei ich anmerken muss, dass der beste erklärende Sachverhalt für Fi im letzten Satz von dem Fe-Kapitel auftaucht. 😀

    1. Mediator

      Danke für das Lob. Ich fand es gar nicht so leicht, die Funktionen auseinanderzureißen. Irgendwie hängen sie ja doch alle zusammen.

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