MBTI-Typen bei der Berufswahl nutzen?

Im Internet finden sich Typenbeschreibungen, die Empfehlungen für die Berufswahl aufgrund des MBTI-Typs abgeben. Dabei wird von der Annahme ausgegangenen, dass bestimmte kognitive Eigenschaften des MBTI-Typs mit den in dem betreffenden Beruf geforderten Eigenschaften und Fähigkeiten korrelieren.

Ich persönlich halte die Anwendung solcher Tests für die Berufswahl für sinnvoll, vorausgesetzt einige Einschränkungen werden beachtet.
Das Modell der MBTI-Typen und die darauf basierenden Tests sind in ihrer Reinform grundsätzlich nicht geeignet, um eine Empfehlung für einen bestimmten Beruf abzugeben. Noch viel ungeeigneter sind diese Test für die Entscheidung für oder gegen einen Kandidaten in einem Einstellungsverfahren (siehe dazu mein Beitrag an dieser Stelle).
Ein Test zur Ermittlung des eigenen MBTI-Typs misst keine konkreten Fertigkeiten, insbesondere berücksichtigt er nicht die vorhandenen Kenntnisse und Interessen, die sich aus den persönlichen Erfahrungen und den unterschiedlichen Lebensgeschichten ergeben. Allein deshalb lässt sich auf seiner Grundlage keine Aussage für einen konkreten Beruf treffen. Derartige Tests treffen Aussagen über unsere bevorzugten Einstellungen und Funktionen, mit denen wir die Welt wahrnehmen und Entscheidungen treffen und helfen uns, unsere eigene Person besser kennen zu lernen. Deshalb dienen sie eher der Orientierung auf eine Tätigkeit hin, in der diese Einstellungen und Funktionen besonders erfolgreich eingesetzt werden können. Welche Tätigkeit dies im Einzelfall ist, hängt aber noch von weiteren Voraussetzungen ab.

Test zur Bestimmung des MBTI-Typs können jedoch erstaunliche Erkenntnisse über die eigenen Vorlieben und Abneigungen zu Tage fördern. Wer bereits eine recht gute Vorstellung von sich hat, wird mittels des Testergebnisses befähigt, ein Vokabular für Situationen zu finden, die ihm bisher einfach nur ein gutes oder schlechtes Gefühl vermittelten. So fällt es leichter zu sagen, dass man als introvertierter Mensch die Ruhe liebt und noch dazu als introvertierter Denker wenig Wert auf eine andauernde Interaktion mit vielen Menschen legt anstatt sich als unsozialer Muffel zu outen, der lieber alleine ist und sein eigenes Ding macht. Derartige wertneutrale Einschätzungen können gerade jungen Menschen helfen, ein realistisches Bild von den eigenen Erwartungen an ihre Umwelt zu entwickeln.

Die wichtige Entscheidung für den zukünftigen Beruf fällt ausgerechnet in eine Lebensphase, die häufig von viel Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Person geprägt ist. Am Ende der Schulzeit befinden sich junge Menschen zumeist in einer recht verzwickten Lage.
Viele haben keine ausreichend Vorstellung, wer sie wirklich sind. Sie sind gerade dabei sich, aus ihrem Elternhaus zu lösen und nutzen ihre noch ungewohnte Freiheit, um mit verschiedenen Rollen zu experimentieren. Oft ist die Vorstellung von der eigenen Person noch stark mit den Wünschen und Anforderungen, die in der Herkunftsfamilie bisher an sie gerichtet wurden, verhaftet. Darüber hinaus wird diese Unsicherheit zumeist noch durch den Gruppenzwang, den Teenager innerhalb ihrer Peergroups ausgesetzt sind, erhöht.

Ausgerechnet in dieser Phase sind die Schüler gehalten, mit der anstehenden Berufswahl eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen für ihren weiteren Lebensweg zu treffen. Der Erfolg dieser Entscheidung wird nicht nur durch äußere Umstände wie die Arbeitsmarktlage oder das Bestehen einer Eintrittsprüfung bestimmt, sondern hängt zum großen Teilen davon ab, dass sich der Jugendliche mit der Berufswahl identifizieren kann.
Gerade die externen Umstände, insbesondere die Arbeitsmarktlage, werden von der Berufsberatung, die seitens der Arbeitsagenturen angeboten wird, zu Lasten der persönlichen Stärken und Schwächen des Schulabgängers überbetont. Eine passgenaue, auf die Persönlichkeit des Schülers ausgerichtete Beratung hinsichtlich der Berufswahl ist zumeist die Ausnahme.

Ein Test zur Bestimmung des MBTI-Typs empfiehlt sich insbesondere in solchen Fällen, wo der Schüler nur eine rudimentäre Vorstellung von seiner eigenen Persönlichkeit hat bzw. seiner eigenen Einschätzung nicht ausreichend vertraut. Probleme, die eigene Persönlichkeit einzuschätzen, treten vor allem auf, wenn:

  • der Schüler einen eher seltenen Persönlichkeitstyp hat, der auch nicht im Elternhaus vorkommt bzw. nicht von seiner Umwelt gefördert wird (z.B. INFP, INFJ, INTP, INTJ)
  • der Schüler Einstellungen und Funktionen nutzt, die in seiner Familie eher selten vorkommen und auf typbedingte Vorurteile der Eltern stoßen.

Beispiel: Ein ISFP-Kind von zwei rationalen Elternteilen, z.B. INTP und ENTJ. Hier besteht die Gefahr, dass die besondere Empfänglichkeit für die eigenen Gefühle und die mehr praktische Orientierung des Kindes auf konkrete Tätigkeiten statt intellektueller Debatten von den besorgten Eltern als Schwäche interpretiert und entsprechend behandelt wird.

Aus der Kenntnis des eigenen MBTI-Typs ergeben sich für die Berufswahl folgende Vorteile. Der Betreffende erfährt, welche Funktionen:

  • er am liebsten anwendet und kann daher in Betracht kommende Berufe daraufhin prüfen, ob er damit die eigenen Stärken zur Geltung bringt.
  • er nicht gerne anwendet und kann daher besser einschätzen, welche Probleme in bestimmten Berufen auftreten können, in denen viel Wert auf die Anwendung seiner eher schwach entwickelten Funktionen gelegt wird.

Dieses Wissen kann dann in die weiteren Erwägungen zur Berufswahl einbezogen werden. Aus meiner Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin sind mir hinreichend viele Fälle bekannt, in denen Ausbildungen und Studien aufgrund mangelnder Eignung und Motivation abgebrochen wurden. Eine Ausbildung wird einem jedoch in aller Regel nur einmal finanziert. Sollte sich die Ausbildung als Fehlgriff erwiesen haben, ist es daher oft nicht einfach, einen neuen Anlauf zu nehmen und eine zweite Ausbildung gefördert zu bekommen. Dies bedeutet häufig, dass der Betreffende ohne Berufsabschluss bleibt oder aber einen Berufsabschluss besitzt, für einen Beruf, in dem er sich nicht wohlfühlt. Leider sind die Arbeitgeber in Deutschland im Gegensatz zu den USA jedoch erstaunlich unflexibel, wenn es darum geht, Bewerber ohne einen staatlich anerkannten Studienabschluss oder Berufsabschluss als Quereinsteiger einzustellen.
Kurzum – die aus einem solchen Szenario resultierenden Folgen lassen sich vermeiden, wenn Schulabgänger bereits frühzeitig die Möglichkeit haben, sich über ihre persönlichen Stärken und Schwächen zu klar zu werden.

Meine künftigen Beiträge werden daher die beruflichen Stärken und Schwächen der einzelnen MBTI-Typen behandeln und aufzeigen, welche Anforderungen die unterschiedlichen Typen üblicherweise an ihre berufliche Tätigkeit richten.
Ich werde dabei auch Hinweise auf Berufe geben, die in der Regel eine höhere Zufriedenheit erwarten lassen. Die Listen dieser Berufe sind nicht vollständig sondern dienen nur der Orientierung, bei welchen Tätigkeiten die Stärken eines Typs normalerweise gut ankommen. Die Berufswelt ist heute sehr komplex und verlangt oft viele verschiedene auch im Widerspruch zu einander stehenden kognitive Eigenschaften. Oft ist nicht nur die berufliche Tätigkeit an sich entscheidend für die Zufriedenheit sondern auch das berufliche Umfeld, in dem die Tätigkeit ausgeführt wird. Vor Jahren las ich in einer amerikanischen Studie, die den Persönlichkeitstyp von Zahnärzten ermittelte, dass ISTJs einer der häufigsten Typen unter den Teilnehmern der Studie waren. Allerdings schienen diese erstaunlich unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen einer Zahnarztpraxis zu sein. Offensichtlich stand die Tätigkeit des Zähne Reparierens, die ISTJs besonders ansprach, im starken Kontrast zu den ebenfalls geforderten sozialen Fertigkeiten im Umgang mit Patienten und Praxisangestellten. (Ich bin mir nicht sicher – ich glaube, es handelt sich um diese Studie; diese ist nur noch als Abstrakt kostenlos erhältlich.)

Fazit meines Beitrags: Der MBTI ist zwar kein Berufstest im eigentlichen Sinne. Er bietet jedoch eine gute Orientierung für die Berufswahl, indem er dem Schulabgänger hilft, sich seiner persönlichen kögnitiven Stärken im Umgang mit Informationen bewusst zu sein. Dadurch lassen sich Fehlentscheidungen bei der Berufswahl aufgrund mangelnder Motivation und Eignung vermeiden.

Mein nächster Beitrag über „INFJs im Berufsleben“ folgt in Kürze.

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