INFJ – Der Psychologe

Die dominante Funktion des INFJs ist die introvertierte Intuition und seine zweite Funktion ist das extravertierte Fühlen. Neben dem INTJ gehört er damit zu den Hauptanwendern eines ansonsten eher seltenen dominant angewandten kognitiven Prozesses. Mittels dieses Prozesses sind INFJs fähig, unbewusste Inhalte soweit abzurufen, dass sie hierüber Lösungen und Einsichten gewinnen, die ihnen im Alltag weiterhelfen. Aufgrund der so erlangten Einsichten wirken viele schon als Kinder ungewöhnlich weise. Oft werden sie von ihren Mitmenschen als kompliziert und widersprüchlich beschrieben.

Es liegt in der Natur der Sache, dass der Lösungsweg zu einem intuitiv gelösten Problem in aller Regel am Anfang verdunkelt ist. Aus diesem Grund fällt es INFJs zumeist schwer, andere von der Richtigkeit ihres Ansatzes zu überzeugen und es braucht einige Übung, den Lösungsweg im Nachhinein bewusst nachzuvollziehen. Da INFJs die Fähigkeit zur intuitiven Problemlösung von Geburt an mitbringen, ist ihnen gerade in ihren Anfangsjahren gar nicht bewusst, dass andere Menschen eine ihnen so offensichtlich erscheinende Lösung nicht ohne weiteres erkennen können, und sie wundern sich oft, wenn ihre Mitmenschen angesichts augenscheinlicher Probleme und Lösungen nicht tätig werden.

Da der Prozess des Bewusstwerdens aller entscheidungsrelevanten Informationen länger dauert, sind sich INFJs oft zeitweilig selber ein Rätsel. Dies wird spätestens dann problematisch, wenn andere Menschen sie drängen, ihre Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen. Junge INFJs sind aufgrund ihrer empfindlichen Gefühlsantennen geneigt, den Erwartungen anderer Menschen nachzugeben, um sich weitere Auseinandersetzungen zu ersparen. Nicht selten ärgern sie sich, wenn sie sich gegen ihre intuitiven Annahmen entschieden haben und sich diese im Nachhinein als richtig bestätigen.

INFJs benötigen oft mehr Zeit als andere Menschen, sich Klarheit über eine Situation zu verschaffen, um entscheidungsfähig zu sein. Oft erlangen sie innere Klarheit, indem sie ihre Lösungen anderen präsentieren. Für INFJs ist der Austausch mit ihren Mitmenschen in der Regel sehr nützlich, da sie auf diesem Wege gezwungen sind, ihre ansonsten nebulösen Einsichten in Worte zu fassen und ihnen hierdurch gewissermaßen eine handhabbare Gestalt geben.

Ihre zweite Funktion – das extravertierte Fühlen – macht INFJs äußerst empfänglich für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen. In Kombination mit ihrer dominanten Funktion reagieren sie daher sehr empfindlich auf die emotionalen Signale ihrer Mitmenschen.
INFJs fällt es sehr schwer, sich von den Gefühlen anderer Menschen abzugrenzen. Sie spüren buchstäblich die Gefühle anderer Menschen als ihre eigenen Gefühle. Dies gilt sowohl für deren positive als auch negativen Gefühle.

INFJs sehen Menschen stets in zweierlei Gestalt – zum einen als Person, die sie in der Öffentlichkeit darstellen und zum anderen nehmen sie das hinter der Persona verborgene Wesen mit seinen zutiefst menschlichen Problemen, Konflikten und versteckten Absichten wahr. Ihre Fähigkeit, hinter die Fassade zu schauen und Dinge wahrzunehmen, die andere Leute gerne ausblenden, bereitet INFJs oft Kopfzerbrechen.Der Konflikt, der sich aus der akuten Wahrnehmung derart unbewusster Informationen ergibt, ist für INFJs ein zentrales Thema. Nicht selten wissen INFJs mehr über ihr Gegenüber als dieser sich selber eingestehen würde. INFJs durchleben die unausgesprochenen Konflikte ihrer Mitmenschen. Dies kann INFJs gerade in jungen Jahren großes Leid verursachen, wenn ihnen die Möglichkeiten fehlen, sich aus einem negativen Umfeld zu lösen. Mit der nach innen gerichtete Intuition erfassen INFJs letztlich auch jene Inhalte die C. G. Jung als „kollektives Unbewusstes“ bezeichnet.

INFJs sind durch ihre zweite Funktion darauf geeicht, die Bedürfnisse anderer Menschen zu erfüllen. Gelegentlich sehen sie sich hierbei jedoch vor Probleme gestellt, wenn ihre Mitmenschen sie um die Erfüllung von Bedürfnissen anhalten, denen sie aufgrund ihrer intuitiven Einsichten nichts abgewinnen können. Oft versuchen sie, ihre tiefen Einsichten anderen Menschen begreiflich zu machen, um diese zu bewegen, sich ihrer wahren Bedürfnisse bewusst zu werden und Wege zu deren Erfüllung zu suchen. Daher sind INFJs oft in beratenden Berufen zu finden, wo sie anderen bei der Bewältigung persönlicher Probleme zur Seite stehen. Auf diese Weise sind sie in der Lage die Einsichten, die ihnen ihre Intuition vermittelt konkret in der Außenwelt anzuwenden.

Eine andere Möglichkeit, ihre Einsichten nach außen zu tragen, ist der Austausch mit Gleichgesinnten. INFJs unterhalten sich gerne mit anderen zu sie interessierenden Themen. Es kann für sie frustrierend sein, festzustellen, dass nur wenige ihrer Mitmenschen in der Lage oder willens sind, ihre komplizierten Gedankengänge nachzuvollziehen. Gespräche mit dominanten extravertiert Intuitiven (ENTP und ENFP) scheinen INFJs hier besonders zu erfüllen. Das aufgeschlossene und optimistische Wesen dieser Typen erhöht zudem die Bereitschaft eines eher zurückhaltenden INFJs, aus sich heraus zu kommen und an der Umsetzung seiner Ideen zu arbeiten.

Wenn ein Konflikt zwischen ihren eigenen und den Bedürfnissen anderer Menschen auftaucht, achten sie oft zu wenig auf ihre eigenen Interessen. Aufgrund der beschriebenen Abgrenzungsschwierigkeiten fällt es INFJs tatsächlich schwer, zu wissen, wie sie selber zu einer Sache stehen. Oft kennen sie ihre Gefühle nicht, da diese von den Gefühlen ihres Umfelds überlagert werden. Viele INFJs neigen dazu, die Unzufriedenheit hierüber von außen nach innen zu verlagern, wo sich die verdeckte Anspannung oft in körperlichen Symptomen niederschlägt. INFJs werden sich wie andere Typen, die ihre Gefühlsfunktion nach außen richten, ihrer eigenen Gefühle zumeist bewusster, indem sie sich mit anderen neutralen Personen, die nicht Teil des Konfliktes sind, darüber austauschen.

INFJs verspüren oft den Wunsch, sich aus dem Alltag auszuklinken. Dies machen sie zum einen, um wie jeder introvertierte Mensch ihre Reserven wiederaufzutanken. Zum anderen hilft es ihnen, sich besser von ihren Mitmenschen abzugrenzen.
Darüber hinaus ist dieser Abstand von der Umwelt für die Funktionsweise ihres Hauptprozesses notwendig. Die Einsichten, die sie über die introvertierte Intuition erlangen, lassen sich oft nicht unmittelbar abrufen. Vielmehr arbeiten INFJs unermüdlich daran, sich die Inhalte, die sich ihnen vage und unvollständig im Alltag aufdrängen, ins Bewusstsein zu rufen. Dazu begeben sie sich oft auf die bewusste Suche nach weiteren Informationen und versuchen diese in ihrem Inneren zu einem kohärenten Bild des tatsächlichen Geschehens zusammenzusetzen. Die Qualität dieses Bildes hängt von ihrer Fähigkeit ab, ihre dritte Funktion (introvertiertes Denken-Ti) und ihre vierte Funktion (extravertiertes Empfinden-Se) bewusst anzuwenden.

Dieser Prozess benötigt oft viel Zeit, so dass INFJs gerade am Anfang eines sich abzeichnenden Gedankens kaum in der Lage sind, diesen richtig einzuordnen und es ihnen zumeist auch unmöglich ist, ihren Standpunkt anderen gegenüber zu artikulieren. Leider sehen sich INFJs in unserer schnelllebigen Zeit und angesichts der Erwartungen anderer an sie, schnelle Ergebnisse zu präsentieren, oft unter Druck, diesen in ihrem inneren langsam ablaufenden Prozess, zu unterdrücken oder abzukürzen und stattdessen voreilige und unüberlegte Schritte einzuleiten. Wenn sie hinterher in der Lage sind, ihre Einsichten klar zu formulieren, haben sie zumeist mit ihrem Verhalten schon endgültige Tatsachen geschaffen. Die Rückgängigmachung solcher Entscheidungen belastet oft ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Trotz des anfänglichen Nachgebens bleiben sich INFJs jedoch der Abweichungen ihres unter Druck gewählten Kurses von dem als richtig erkannten Weg akut bewusst. Entsprechend fühlen sie sich oft ausgenutzt und von den Erwartungen anderer an sie überfordert. Auf Dauer führt eine Abweichung von ihrem inneren Weg zu Resignation und Depression. Nicht zuletzt belasten sie mit ihrer eigenen Unzufriedenheit die Beziehungen zu nahestehenden Menschen, da sie aus ihrer Enttäuschung heraus diesen gegenüber verletzend auftreten können.

Einen solchen traurigen Zustand können INFJs nur vermeiden, indem es ihnen gelingt, sich ausreichend über ihre eigenen Ziele klar zu werden und diese konsequent zu verfolgen.
Sollten INFJs sich für ihren als richtig erkannten Weg entschieden haben und damit an der Verwirklichung ihrer Vorstellungen arbeiten, sind sie bei der Umsetzung oft ungewöhnlich ausdauernd. Wie alle Idealisten neigen INFJs jedoch dazu, sich stark mit ihren Idealen zu identifizieren und lenken ihren Blick weniger auf die konkreten Details, welche die Umsetzung ihrer Pläne begleiten. Sie können daher schnell enttäuscht sein, wenn die Realität hinter ihren perfekten Vorstellungen zurück bleibt.

Dies ist im Falle von INFJs besonders hinderlich, da das extravertierte Empfinden ihre minderwertige Funktion ist. Es fällt ihnen daher in aller Regel besonders schwer, ihre Aufmerksamkeit auf die Details der Zielerreichung zu lenken. Hinzu kommt, dass ihnen die Beschäftigung mit der materiellen Wirklichkeit oft übermäßig schwer fällt. Sie benötigen für die Arbeiten an den „irdischen Dingen“, die den meisten Menschen im Alltag leicht von der Hand gehen, oft mehr Zeit. Sie empfinden, verglichen mit S-Typen administrative Arbeiten oder Routinetätigkeiten oft als übermäßig ermüdend im Verhältnis zum eigentlichen Aufwand. Außerdem unterschätzen INFJs bei der Planung zumeist deutlich den zeitlichen und finanziellen Aufwand, der zur Realisierung ihrer Vorstellung betrieben werden muss.

Nicht wenige INFJs sind zudem beratungsresistent und eher nicht bereit, entgegenstehende Meinungen ihrer Mitmenschen in ihre Planung zu inkorporieren. Grund hierfür ist vermutlich die aus der introvertierten Intuition folgende innere Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Daher übernehmen sie sich öfter bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen. Im Gegensatz zu extravertierten Intuitiven sind sie jedoch eher selten bereit, einmal übernommene Projekte abzubrechen oder Abstriche zuzulassen und tendieren daher dazu, bis zur Erschöpfung ihrer körperlichen und finanziellen Reserven, an ihren überzogenen Vorstellungen festzuhalten. INFJs täten daher gut daran, den Input anderer bei der Verwirklichung ihrer Ziele zu berücksichtigen und sich geeignete Helfer, die eine besser entwickelte Empfindungsfunktion besitzen für die konkrete Umsetzung ihrer Projekte zu suchen.

Nachwort:

Ich habe dieses Profil aus meiner eigenen INFJ-Perspektive geschrieben. Dabei habe ich versucht, die grundsätzlichen Fragestellungen und Probleme eines INFJs aufzuzeigen. Es ist wie alle Profile hier unvollständig. Ich hätte noch unendlich über die Stärken und Schwächen dieses Typs weiter schreiben können. Diese variieren sicherlich aufgrund individueller Unterschiede in der Ausdifferenzierung der vier Funktionen (Ni, Fe, Ti, Se). (Dies gilt entsprechend für alle Typenprofile auf diesem Blog. Sie dienen ausschließlich der Orientierung und der Wahrnehmung eigener typbedingter Stärken und Schwächen. Sie sollen keine Person auf bestimmte Eigenschaften festnageln.)
Dieses Profil soll vor allem jungen INFJs helfen, sich selber kennen zu lernen. Es ist meine persönliche Erfahrung und die Erfahrung vieler INFJs, dass der Schlüssel zum persönlichen Glück für INFJs tatsächlich die Selbsterkenntnis ist. Obwohl INFJs so gut darin sind, die Probleme anderer Menschen aufzuspüren, fällt es ihnen oft schwer, sich selber richtig einzuordnen und als die Person anzunehmen, die sie tatsächlich sind. Ich hoffe, mit diesem Profil die Kernprobleme des INFJ-Typs aufgezeigt zu haben.

Meinen Beitrag zum Thema „INFJs im Berufsleben“ kannst du hier finden.

Für weitere Nachforschungen zum INFJ-Profil empfehle ich:

PS: INFJs, INFPs, INTJs und INTPs gehören zu den seltensten der 16 Typen. Meine Online-Erfahrung zeigt, dass diese vier Typen sich überproportional zu ihrem tatsächlichen Vorkommen in der Bevölkerung zum MBTI und der zugrundeliegenden Theorie austauschen.

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